22.06.2020

Interaktion, Partizipation, Kollaboration – Irrungen, (Ver)Wirrungen?

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Wenn Laien dazu aufgefordert werden, etwas zu Themenfeldern beizutragen, die sonst in erster Linie Expert*innen vorbehalten sind, ist häufig von Partizipation die Rede. Citizen Science oder User Generated Content sind dabei zwei gängige Formen offener Wissenschaft, die auch in der Kulturarbeit eine immer größere Rolle spielen. Mit ihnen verbindet sich der Anspruch, Bürger*innen als Wissensträger*innen anzuerkennen und ausgewiesene Kulturräume in Richtung der Gesellschaft zu öffnen. Wer sich eingehender über die Möglichkeiten und Herausforderungen partizipativer Kulturarbeit informieren möchte, stößt allerdings schnell auf Begriffsverwirrungen: Interaktion, Partizipation und Kollaboration, Teilnahme und Teilhabe, Mitarbeit und Zusammenarbeit. Wo liegen die Unterschiede zwischen diesen Begriffen und in welche Richtung entwickelt sich die Kulturarbeit aktuell?

 

Kultur bewahren, erforschen und vermitteln – aber wie?

Je nach Grad der Beteiligung von Laien lassen sich in der Kulturarbeit vier grundlegende Konzepte unterscheiden: rezeptive, interaktive, partizipative, sowie kollaborative.1 Rein rezeptive Ansätze basieren auf einer klaren Hierarchisierung zwischen den kulturellen Akteur*innen. Expert*innen, beispielsweise Mitarbeiter*innen von Museen, Wissenschaftler*innen und Kulturvermittler*innen, treten hierbei als Wissensträger*innen in Erscheinung, während das Laienpublikum ihr passives Gegenstück bildet. Dieses empfängt vorselektierte und auf bestimmte Weise dargestellte Inhalte, nimmt sie auf und verarbeitet die sinnliche Erfahrung, ohne dabei Einfluss auf Auswahl, Art der Vermittlung oder die damit verbundene Interpretation nehmen zu können. Wird die kritische Reflexion des Präsentierten nicht durch die Rezipient*innen selbst angestoßen, bleibt sie auf der Strecke. Raum für Austausch und Wechselseitigkeit bleibt hier oft kaum oder gar nicht.

Interaktive Ansätze gehen ein Stück weiter auf die Rezipient*innen zu. Sie gewähren Laien die Möglichkeit, aktiv an Kultur teilzunehmen. Der Beteiligungsgrad bleibt dabei jedoch verhältnismäßig gering. Die Akteur*innen sind in der Interaktion weder gleichberechtigt noch gleichgestellt. Denn der Rahmen für die Beteiligung wird nach wie vor einseitig vorgegeben und recht eng gesteckt. Teilnahme in Form von Interaktion bedeutet für Expert*innen, einen kleinen Teil ihrer Deutungshoheit gezielt und kontrolliert abzugeben. Dies kann auf sehr unterschiedliche Weise geschehen: Wenn Besucher*innen im Sinne selbstbestimmten Lernens über Themenauswahl und -tiefe entscheiden (interaktive Führungen und die Möglichkeit, Fragen zu stellen, App-Angebot oder Touch-Tische mit unterschiedlichen Zugängen und Tiefenebenen), ihre  Meinung zu Vermittlungsinhalten und -Formen äußern (Bewertungs- oder Feedbackzettel, Gästebuch, Diskussionsbeiträge über Social Media) oder sich selbstgeleitet und spielerisch einen Zugang zu vorgegeben Inhalten erarbeiten (spielerische Angebote, Rätsel oder Schnitzeljagden durch das Museum).

Partizipative oder kollaborative Ansätze bieten im Gegensatz dazu den Raum, um die Beziehung zwischen den Akteur*innen komplett neu zu denken. Kultur, ihre (Re)produktion, Darstellung und Weitergabe wird als Aufgabe der Gesamtgesellschaft verstanden und daher in die Hände möglichst vieler Mitglieder dieser Gesellschaft gelegt. Wenn Laien Kultur (innerhalb eines vorgegebenen Handlungsrahmen) mitgestalten dürfen, spricht man nicht mehr nur von Teilnahme, sondern von Teilhabe im Rahmen partizipativer Formate. Wenn schließlich sogar der Handlungsrahmen von Expert*innen und Laien gemeinsam und auf Augenhöhe entwickelt wird, werden kollaborative Ansätze verfolgt.  Sie setzen zu einem frühstmöglichen Zeitpunkt an und bieten den größtmöglichen Gestaltungsspielraum für alle Beteiligten. Damit sind sie jedoch auch wesentlich anfälliger für Störungen aller Art und bedürfen nicht nur einer guten Vorbereitung und Durchführung, sondern auch großer zeitlicher wie inhaltlicher Flexibilität.

Die Trennschärfe der hier in aller Kürze vorgestellten Ansätzen geht im öffentlichen Diskurs häufig verloren, zumal auch innerhalb der Großkategorien weitere Differenzierungen vorgenommen werden: Ein vielzitiertes Stufenmodell der Partizipation stammt aus den USA.  Die Museumsberaterin, Ausstellungsdesignerin und Autorin des Buchs „The Participatory Museum“, Nina Simon, unterteilt Beteiligungsgrade in vier Stufen und spricht dementsprechend von Contribution (Beiträgen), Collaboration (Zusammenarbeit), Co-creation (Mitbegründung), sowie Hosting (Moderation). Die verschiedenen Stufen beziehen sich auf den Grad der Entscheidungsgewalt, den die Kulturinstitution ihren Besucher*innen zugesteht, wobei Contribution den geringsten und Hosting den höchsten darstellt.2

 

Eigene Darstellung nach dem Modell Nina Simons

 

Das Potential partizipativer und kollaborativer Ansätze

Wenngleich der Verlust ihrer Deutungshoheit für viele Expert*innen nur schwer zu akzeptieren ist, ist eine klare Entwicklung hin zu mehr Beteiligung innerhalb des Kultursektors deutlich zu beobachten. Im Großen und Ganzen sind sich Kulturschaffende darüber einig, dass für die zukünftige Kulturarbeit mehr (Mit)Wirkungsräume kreiert werden müssen. Partizipative wie kollaborative Formate zielen bewusst auf eine Veränderung traditioneller hierarchischer Muster und institutioneller Autorität ab. Für die Kulturinstitutionen setzt dies ein aufrichtiges Interesse an ihrer Zielgruppe, Offenheit und Lernbereitschaft, die Akzeptanz auch nichtwissenschaftlicher Erkenntnisformen, Reflexionsbewusstsein sowie die Bereitschaft zur Abgabe von Deutungshoheiten voraus.

Besondere die digitale Transformation hat die Etablierung partizipativer und kollaborativer Formate in den letzten Jahren begünstigt und vereinfacht – wirklich neu sind sie jedoch nicht.3 Vielmehr ist Kulturarbeit schon immer mehrdimensional, unterschiedliche Ansätze wechseln sich fortwährend ab, laufen parallel zueinander und entwickeln sich dabei stets weiter.  Die Digitalisierung ermöglicht es jedoch, eine breitere Masse an Menschen zu erreichen und Partizipation oder Kollaboration ohne räumliche oder zeitliche Gebundenheit und Beschränkung anzustoßen. Ein großer Vorteil der digitalen Welt und besonders der Sozialen Medien besteht zudem in der Heterogenität ihrer Nutzer*innengruppen. So können neue Zielgruppen erschlossen und Inklusion gelebt werden. Die Beziehung zwischen Institutionen und Besucher*innen wird mit einer Steigerung von Partizipation und Kollaboration gleichberechtigter und transparenter. Museen öffnen sich nach Außen und schaffen somit ganz neue gesellschaftliche Zugänge zu Kultur. Projekte, die dies befördern, finden sich momentan unter anderem vermehrt in kleineren Heimat- und Stadtmuseen, die mehr und mehr in den Zwang geraten, ihre eigene Legitimation unter Beweis zu stellen.

Das Karl-Pollender-Stadtmuseum Werne strebt beispielsweise bereits seit 2017 eine Neuausrichtung des eigenen Hauses an, die sich insbesondere an ein jüngeres Publikum richtet und gleichzeitig durch partizipative Projekte eine aktivere Auseinandersetzung der Bürger*innen mit der eigenen Stadt ermöglichen soll. Schon das Museum an sich ist aus der Hand engagierter Werner Bürger*innen entstanden, bevor es professionalisiert wurde. Damit es nun nicht nur als statische Informationsquelle mit passiver Rezeption fungiert, initiierte das Museum gemeinsam mit StadtBauKultur NRW das Projekt Werne up’n Patt. Von 2017-2019 wurden Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft Wernes dabei unter dem Schlagwort der Mobilität genauer in den Blick genommen.  Das Museum suchte den Austausch mit Bürger*innen – über Diskussionsstände in der Fußgängerzone oder Vortragsreihen. So lautete das Credo, gemeinsam die eigene Stadt kennenzulernen und Visionen für die Zukunft zu entwerfen. Unter dem Titel „Mit rasender Geschwindigkeit“ wurde eine Schaufensterausstellung initiiert, bei welcher von Bürger*innen eingereichte Fotos der Stadt gezeigt und zur Diskussion gestellt wurden. Ergänzt wurden die Angebote unter anderem durch Projekte an städtischen Schulen, in welchen der eigene Weg zur Schule analysiert, Fotos der Stadt kreativ in Szene gesetzt oder Reisegedichte in der Ausstellung #jüngstbereist über Instagram originell zur Schau gestellt wurden. Ein Highlight des Projekts bildete das Format „Afterwork bei Karl“, im Zuge dessen der Museumsraum zweckentfremdet wurde:  von Yoga bis zum Handlettering hatte das Abendprogramm viel zu bieten und trug damit dazu bei, Hemmschwellen abzubauen und Bürger*innen neue Zugänge zum Museum(sraum) zu eröffnen. Letztendlich wurde das zweijährige Projekt mit einer Themensammlung und Fragerunde an die Bürger*innen der Stadt abgeschlossen: Was wollen diese im Karl-Pollender-Stadtmuseum sehen/ erleben und wie partizipativ soll es in Zukunft sein? Nach Projektende wird der Partizipationsgedanke aber nicht  beiseite gelegt: Mit den gewonnenen Impulsen soll nun die Dauerausstellung des Museums unter Bürger*innen-Beteiligung bis 2022 umgebaut und das Museum auf lange Sicht noch stärker in das Alltagsleben der Stadtbewohner*innen integriert werden.

Das Ziel der Beförderung gesellschaftlicher Teilhabe verfolgt auch das Stadtmuseum Borken, das bis zu diesem Jahr zum Forum Altes Rathaus Borken (FARB) umgebaut wurde. Das FARB soll den Bürger*innen der Stadt einen Raum für das partizipative und multiperspektivische Erleben der eigenen Stadtgeschichte bieten. In den Ausstellungsräumen sollen unterschiedliche gesellschaftliche Gruppen zu Wort kommen und eigene Ausstellungsstücke im Rahmen von Kunst-, Kultur- oder Geschichtsprojekte einbringen können. Das Motto der Neugestaltung: Aus gemeinsamen Tun Neues erwachsen lassen.4 Konkret geplant sind dabei Erzählcafés Vorträge und Diskussionsräume, um die Vernetzung innerhalb der Stadtgemeinschaft weiterhin zu fördern. In der digitalen ‚Bibliothek der Erinnerungen‘ berichten Bürger*innen der Stadt über ihre Beziehung zu Borken. Weitere Exponate sind in der Museumssammlung präsentiert und auch interaktive Ausstellungsstationen für Kinder wurden in das FARB integriert, denn der Ort soll – ähnlich wie das  Karl-Pollender-Museum  - ein Begegnungsraum für alle Menschen der Stadt  sein . Ein Highlight des künftigen FARB stellt schließlich die offene Druckwerkstatt dar. Bei Workshops wird man sich hier in das Druckerhandwerk einführen lassen können und auch selbst Hand anlegen dürfen. Am 14. Juni 2020 wurde das FARB offiziell eröffnet.

 

Partizipation greifbar machen

Nina Simon betont, dass partizipative Formate „niemals nur als ‚Abladeplatz‘ für interaktive oder dialogische Elemente“5 dienen sollen. Kulturinstitutionen müssen zu zentralen Orten des kulturellen und gesellschaftlichen Lebens werden. Dabei sollen sich Besucher*innen miteinander vernetzen und gemeinsam Inhalte erschaffen können. Der beobachtbare Rückgang der Besucher*innenzahlen in Kulturinstitutionen ziehe die Notwendigkeit nach sich, neue Wege in der Kulturvermittlung zu gehen und sich Formaten zuzuwenden, bei denen sich die Teilnehmer*innen aktiver beteiligen können, so Simon.6 Die Gestaltung dieser Formate müsse mit den Besucher*innen gemeinsam geschehen und eine Art Beziehungsarbeit zwischen den einzelnen Akteur*innen geleistet werden. Denn Veränderungen in Institutionen und in der Sicht auf Institutionen hingen maßgeblich davon ab, welchen Stellenwert diese den Besucher*innen gäben und welche Selbstwahrnehmung sie – in Bezug auf Autorität und Kulturvermittlung – hätten. Partizipation und Kollaboration bergen das Potenzial, Kultur- und Geschichtsorte zu Stätten der Begegnung werden zu lassen, an denen sich alle gesellschaftlichen Gruppen angesprochen und repräsentiert fühlen, sich mit Inhalten identifizieren können und aufgefordert werden, sich selbst einzubringen. Sie können damit den Weg in eine inklusivere Gesellschaft ebnen. Ungleichheits- und Diskriminierungsstrukturen können so ausgehebelt und gemeinsam auf die Vision einer bunten, diversen, demokratischen Gesellschaft hingearbeitet werden. Auch wenn die Kultursphäre nur eines von vielen Gesellschaftssystemen darstellt, kann sie trotzdem einen wesentlichen Beitrag dazu leisten.

 

 1Vgl. Henner-Fehr, Christian (2011): „Eine Masterarbeit beschäftigt sich mit dem partizipativen Potenzial des Social Web für Museen.“ Erschienen auf: Kulturmanagement Blog. URL: https://kulturmanagement.blog/2011/07/03/eine-masterarbeit-beschaftigt-sich-mit-dem-partizipativen-potenzial-des-social-web-fur-museen/.

2Simon, Nina: Das partizipative Museum. in: Gesser, Susanne/ Handschin, Martin, u.a. (Hrsg.) (2012): Das partizipative Museum. Zwischen Teilhabe und User Generated Content. Neue Anforderungen an kulturhistorische Ausstellungen. transcript Verlag: Bielefeld. S. 95–108.

3Vgl. Ebd.

4Vgl. Broschüre zum Umbau der Stadt Borken. URL: https://forumaltesrathaus.borken.de/fileadmin/daten/mandanten/kreisstadt/Bilder/Fotos/Stadtleben/Kultur_u._Bildung/FARB/Dateien/Regionale_2016_-_Faltplan_Altes_Rathaus_Borken_20160929_lay.pdf

5Simon, Nina: Das partizipative Museum. in: Gesser, Susanne/ Handschin, Martin, u.a. (Hrsg.) (2012): Das partizipative Museum. Zwischen Teilhabe und User Generated Content. Neue Anforderungen an kulturhistorische Ausstellungen. transcript Verlag: Bielefeld. S.101.

6Ebd.

Kategorie: Innovative Kulturvermittlung

Schlagworte: Interaktion · kulturelle Bildung · Beteiligungsgrade · Partizipation · Kulturvermittlung