14.04.2020

Videos einfach mit dem Smartphone produzieren

© Unknown, CC0 by 1.0 Universal

Seit der Schließung von Theatern, Opern, Museen und anderen Kultureinrichtungen zeigen immer mehr Häuser im Netz Präsenz. Der kulturelle Shutdown fordert Kulturschaffende dabei auf ganz neue Weise heraus. Wo die Erstellung von virtuellen Führungen, Vlogs oder Instagram-Stories bisher nicht unbedingt nötig gewesen ist, wird seit dem 15. März fleißig gefilmt, geschnitten, vertont und produziert. Auch wenn das sehr erfreulich ist, wird an der ein oder anderen Stelle doch sichtbar, dass die Produktion von qualitativ hochwertigem Content gar nicht so einfach ist.  Während es den Einrichtungen nicht an spannenden Inhalten für ihre digitalen Vermittlungsformate mangelt, fehlt es für die praktisch Umsetzung doch häufig an Ausrüstung und Know-how. Dabei können unter Berücksichtigung einiger Grundregeln und mit wenig zusätzlichem Equipment selbst mit dem Smartphone ansprechende Medienformate erstellt werden. Im Folgenden geben wir ein paar Tipps und erläutern einige Kniffe, mit Hilfe derer Kultureinrichtungen auch ohne großen technisch und finanziellen Aufwand kurzfristig gut produzierte Videos im Netz anbieten können.


Konzept erarbeiten

Bevor die eigentliche Produktion beginnt, sollten einige Fragen beantwortet werden. Ein kurzes verschriftlichtes Konzept hilft, während der Umsetzung den Fokus nicht zu verlieren und strukturiert vorzugehen. Folgende Checkliste kann dabei als Orientierung dienen:

1. Was möchte ich vermitteln? (Inhalt)

2. Wem möchte ich es vermitteln (Zielgruppe)?

3. Wo möchte ich mein Angebot platzieren?
Auch die Frage nach dem Distributionskanal sollte im Vorhinein geklärt werden. Wo erreichen Sie Ihre Zielgruppe am ehesten (Blog, Homepage, Instagram, Facebook, YouTube etc.)? Und welches Format (längeres Video, kurzer Clip, mit- oder ohne Ton etc.) eignet sich für die ausgewählte Plattform am besten?

4. Wie möchte ich meine Inhalte vermitteln? Frontal-Moderation, Interviewformat, inszenierte Dramaturgie mit Protagonist*innen oder eine Aufnahme mit Off-Kommentaren? Musik, besonderes Licht, originelle Kameraeinstellungen, oder Perspektivwechsel? Welche Art der Darstellung kommt in Frage?

5. Auswahl des Drehortes
Welcher Ort eignet sich für meine Aufnahmen am besten? Wo sind Lichtverhältnisse und Geräuschkulisse optimal?

6. Skript
Um ein möglichst flüssiges und leicht zu verstehendes Video zu produzieren ist es wichtig, ein kurzes Outline oder eine Erzählskizze vorzubereiten. Vorformulierte Textpassagen und Stichpunkte schaffen beim Vortragen Sicherheit, ohne dass ein Text auswendig gelernt oder abgelesen wirkt.
 

Equipment & Technik

Audio
Sehr wichtig, bei Videoaufnahmen jedoch häufig unterschätzt, ist der Ton. Bildmaterial lässt sich relativ leicht nachbearbeiten, indem man es zum Beispiel durch gezielte Schnittsetzung in die gewünschte Form bringt. Mit dem Ton ist es da schon etwas komplizierter: Ist die Tonqualität der Aufnahme einmal schlecht – sind starke Hintergrundgeräusche zu hören oder ist die Distanz zum Mikrofon zu groß – lässt sich dieser Fehler meist kaum mehr beheben.

Bei Aufnahmen mit mobilen Endgeräten wie dem Smartphone oder Tablet ist es zunächst naheliegend, auch den Ton über das interne Mikrofon zu steuern. Um den Sound und die Lautstärke besser kontrollieren zu können, ist man mit einem externen Mikrofon allerdings wesentlich besser bedient. So wird die Tonqualität erheblich gesteigert und Hintergrundgeräusche können leichter ausgeblendet werden. Externe Mikrofone werden in verschiedenen Modellen angeboten, die Günstigsten gibt es bereits ab 12€. Relativ einfach handhabbar ist zum Besipiel das Blusmart Ansteck-Mikrofon. Dieses Kabel-Mikrofon kann über die Audio-Klinkenbuchse mit dem Smartphone gekoppelt werden. Für Geräte mit Mikro-USB-Anschluss nutzt man am besten einen entsprechenden Adapter. Ansteckmikrofone mit Kabel können für bestimmte Situationen ausreichend, für andere jedoch gänzlich ungeeignet sein. Filmt man ein Gespräch oder eine*n Sprecher*in mit einigem Abstand, so ist das Kabel oft stören. Für diesen Fall eignen sich kabellose Mikrofone wie das Saramonic iMic, das direkt am Smartphone sitzt oder Ansteckmikrofone, die die Tonsignale kabellose übertragen, wesentlich besser.

Bild
Wird eine unbewegte Szene gefilmt, kann es sinnvoll sein, ein Stativ zu verwenden. Dieses lässt sich stabil platzieren und vermeidet ein Verwackeln der Aufnahme. Die meisten Modelle werden für Kameras produziert, da Smartphones im Normalfall kein Stativgewinde besitzen. Allerdings gibt es mittlerweile Adapter, mit denen sich die Stative auch an mobilen Endgeräten anbringen lassen. Unter den gängigen Stativ-Typen finden sich Einbein-, Dreibein-, Vierbeinstative oder Tischstative, die etwas kleiner sind und beispielsweise auf Möbelstücken platziert werden können. Hilfreich und vielfältig einsetzbar sind zudem Klemmstative, die flexible Stativfüße besitzen und meist per magnetischer Anziehung an Oberflächen befestigt werden können. Je nach Bedarf kann auch auf Schulter-, Fenster, Beutel-, Saug- oder Schwebestative zurückgegriffen werden. Filmt man dagegen eine bewegte Szene, bieten Standstative keine ausreichende Flexibilität. Wer sich nicht zutraut, freihändig zu filmen, kann hier auf Stative zurückgreifen, die über einen schwenkbaren Kopf verfügen. Diese erhält man schon für kleines Geld.  So ist das standfeste dreibeinige Rollei Smart Traveler Video-Stativmit Bluetooth-Fernauslöser für ca. 50€ und das GripTight ONE GP Stativ, ein flexibel einsetzbarer Gorillapod, schon für knappe 40€ zu haben. Wackelfreies Filmen ist aber auch ohne Stativ möglich, beachtet man ein paar Tipps: Filmt man mit beiden Händen und legt die Oberarme eng am Körper an, so hilft das dabei unnötige Schwankungen zu vermeiden und eine ruhige Aufnahme zu erzielen.
 

Der Dreh

Licht
Mit entscheidend für eine geglückte Aufnahme sind vor allem die Lichtverhältnisse. Um eine professionelle Aufnahme mit dem Smartphone zu produzieren, bedarf es einer hellen Umgebung, denn die kleinen Linsen nehmen weniger Licht auf, als die professioneller Kameras. Passt man die Aufnahmeeinstellungen vor Drehbeginn nicht an, kann die spätere Aufnahme zudem unschöne farbliche Verzerrungen enthalten: Kunstlicht in Innenräumen tendiert zu einem rötlichen Farbstich, Tageslicht im Freien eher zu einem blauen Unterton. Indem man die Kamera vor Drehbeginn auf die jeweilige Lichtsituation anpasst ­– einen sogenannten Weißabgleich vornimmt – lässt sich dieser Effekt im späteren Bild vermeiden.

ACHTUNG: Wechselt man während des Drehs den Drehort, verlagert sich die Szene beispielsweise von Drinnen nach Draußen, ändern sich auch die Lichtverhältnisse, sodass ein neuer Weißabgleich erforderlich wird.

Bei Aufnahmen mit dem Smartphone ist der Weißabgleich nicht ganz einfach vorzunehmen. Für gewöhnlich berechnet die Video-App des Geräts die wahrscheinliche Farbtemperatur automatisch und passt die Farben entsprechend an. Besonders abends und bei schwindendem Licht stößt diese Funktion jedoch an ihre Grenzen. Hier hilft nur ein manueller Weißabgleich. Dabei „zeigt“ man der Kamera, welche Flächen im Bild weiß aussehen und schafft so einen Maßstab, an dem sich der Abgleich orientieren kann. Darüber hinaus ist es auch möglich, die Aufnahme mit einer entsprechenden Software und dem dazu benötigtem Know-How im Nachhinein anzupassen.

Des Weiteren ist die Wahl der richtigen Beleuchtung für ein gutes Aufnahmeergebnis von großer Bedeutung. Sie beeinflusst die Wirkung des Motivs. Bei frontaler Beleuchtung ist die Lichtquelle im Rücken der Kamera, das Bildmotiv vor der Linse wird daher gut ausgeleuchtet. Diese Einstellung wird im Regelfall bevorzugt verwendet, da hierbei keine störenden Schatten auftreten. Zum Erwirken spezifischer Effekte kann aber auch eine Beleuchtung von der Seite, von Oben oder der Effekt des Gegenlichts eingesetzt werden. Seitenlicht gibt dem Bild beispielsweise eine gewissen Tiefe, eine Beleuchtung von unten kann dem Motiv einen geheimnisvollen oder unheimlichen Charakter verleihen. 

© Unknown, CC0 by 1.0 Universal

Positionierung
Auch die Positionierung von Protagonist*innen oder Objekten innerhalb des Bildes trägt zur Wirkung der Aufnahme bei. In diesem Zusammenhang ist es hilfreich, sich an der Drittel-Regel zu orientieren. Hierbei wird das Bild durch vier sich kreuzende Linien in drei waagerechte sowie drei senkrechte, gleich große Flächen eingeteilt. Wird ein Motiv bei der Aufnahme nun beispielsweise auf einen der vier Schnittpunkte gesetzt, so wirkt der Bildaufbau besonders harmonisch. Flächen und Formen können auf diese Weise spezifisch ausgerichtet werden. Das Drittel-Gitter ist als Einstellung bereits bei den meisten Kamera-Apps vorhanden. Demnach müssen die Bildobjekte nun nur noch entsprechend der Anforderungen im Raster platziert werden und los geht’s!

Einstellungsgröße
Eine Totale, also eine Einstellung aus weiter Entfernung, mit der beispielsweise ganze Landschaften oder Gebäude eingefangen werden können, sollte nur als Einstieg oder im Übergang von zwei Szenen genutzt werden. Handelnde Personen sind hingegen am günstigsten in der Halbnahen aufzunehmen, sodass nur der Oberkörper im Bild ist. Detailaufnahmen und nahe Einstellungen eignen sich wiederum besonders zur Darstellung wichtiger Einzelheiten. Generell ist es wichtig, sich bei der Einstellung auf das Relevante zu konzentrieren und Details, die nicht unbedingt notwendig sind, aus dem Bild herauszuhalten. So wirkt der Bildaufbau harmonisch und nicht überladen.

Die Zoomfunktion sollte beim Smartphone nur sehr spärlich verwendet werden. Im Gegensatz zu hochklassigem Kameraequipment erreicht man mit dem mobilen Gerät nur ein Hineinzoomen in das Bild. Das führt zu einer geringeren Aufnahmequalität. Sinnvoller ist es, die reale Distanz zum Aufnahmemotiv zu verringern.

Topshot
Vor dem Dreh kann es hilfreich sein, die verschiedenen Effekte und Einstellungen zu testen. Hierzu bietet sich die App TopShot von FILM+SCHULE NRW an. Mit diesem Tool können die unterschiedlichen Gestaltungseffekte und ihre Wirkungen ausprobiert werden. Zudem gibt es einige Tutorials zum Videodreh, unter anderem vom Bayerischen Rundfunk oder der NRW Medienbox, die viele Tipps und Informationen bereithalten.
 

 

Die Nachbearbeitung

Ist die Aufnahme getätigt und das Material abgedreht, geht es an die Nachbearbeitung.
Folgende Schritte zur Handhabung des Filmmaterials sind dabei zu Bedenken:

1. Das Übertragen des Materials auf den PC

2. Sichtung des produzierten Materials

3. Schneiden & Montieren des Videos
 

Schnitt
Durch den Schnitt kann das Videomaterial im Nachhinein optimiert werden. Einfache Bearbeitungsschritte, wie das Kürzen des Filmmaterials oder das Verwenden eines Filters, können in den meisten Smartphone-Kamera-Apps vorgenommen werden. Für eine professionellere Weiterverarbeitung sind jedoch Softwaresysteme auf dem PC von Vorteil. 

Hierzu werden verschiedene Softwareprogramme mit unterschiedlicher Komplexität und diversen Optionen angeboten. Mit dem VideoPad Video-Editor oder VSDC Free Video Editor, welche beide zum freien Download zur Verfügung stehen, lassen sich nahezu alle gängigen Videoformate bearbeiten und schneiden. Mehr als 50 visuelle Effekte sowie Greenscreen-Tools, das Einfügen von Untertiteln oder VoiceOver-Elemente und vieles mehr sind hier möglich. Mit der Software Lossles Cut lassen sich Videos durch die Funktion des „Keyframe Cut“ zudem besonders schnell und verlustfrei schneiden und das Programm Free Video Flip and Rotate bietet die Möglichkeit fertige Aufnahmen zu spiegeln oder zu drehen.


Livestreaming

Eine weitere Möglichkeit, um Menschen zuhause zu erreichen und an kulturellen Erfahrungen teilhaben zu lassen, bietet das Kultur-Livestreaming. Im Rahmen eines online verfügbaren, kostenfreien digitalen Weiterbildungsangebot wird unter anderem auf der Seite kulturmanagement.net erläutert, was es dabei zu berücksichtigen gilt. Der Berater für Digitales Marketing Christoph Müller-Girod zeigt in einem gut einstündigen Tutorial, wie sich mit geringem technischen Aufwand und einem kreativem Konzept Livestreams auch aus dem Homeoffice oder dem geschlossenen Museum verwirklichen lassen.


Filmemacher zu verleihen! 

Für wen die Eigenproduktion von Videos dennoch keine Option darstellt, weil es an Personal, Zeit oder Equipment fehlt, für den hält das Kulturbüro Münsterland e.V. aktuell ein großartiges Angebot bereit:  Es „verleiht“ für einen Tag seinen Filmemacher Simon Büchting. Bewerben können sich alle Kunst- und Kulturschaffende aus der Region. Bewerbungsschluss ist der 20. April.

 

Wir danken Maike Niermeyer herzlich für den inhaltlichen Input!

 

Kategorien: Innovative Kulturvermittlung · Tipps und Veranstaltungen

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